EIN CAFE ALS HOCHZEITSGESCHENK

Was für eine köstliche Familie: Seit Generationen stehen die Langmaacks für allerfeinste Konditorkunst. Ein kleiner Rundgang durch die Historie des Cafe Wien in Westerland – von einer Hochzeitsnacht im Kinderzimmer bis zur Eröffnung des jüngsten Ablegers, der Schokoladenmanufaktur in Tinnum.

Zwei Inselkinder, in den 50er-Jahren. Die aparte Ingrid gehört zum Milch- und Käseladen Carstensen an der Ecke Neue Straße und Strandstraße, der rotblonde Willi zur Bäckereidynastie Langmaack um die Ecke, ein Stückchen die Neue Straße rauf. Er ist knapp fünf Jahre älter als sie und trotzdem begegnen sie sich zwei Jahrzehnte lang gar nicht. Obwohl Ingrid regelmäßig große Butterfässer die Straße heraufrollt zum Laden, kreuzen sich Ingrids und Willis Wege erst, als sie erwachsen sind - beim Einkauf am Käsetresen. Was jahrelang nahe lag, funkt endlich und dann auch gleich gründlich: Ingrid und Willi sagen zügig »Ja« zueinander. Ein attraktives, ein dynamisches Paar, das nach Herausforderungen sucht und gemeinsam ganz eigene Wege gehen will. So kommt es, dass die jungen Langmaacks sich quasi zur Hochzeit im Mai 1966 die familiäre Unabhängigkeit schenken und beschließen, gemeinsam ein Café zu eröffnen. Wiener Kaffeehaus-Schick schwebt ihnen vor. Stil. Eleganz. Atmosphäre. Der Name - auch um Verwechslungen mit der väterlichen Bäckerei Langmaack auszuschließen - ist rasch gefunden: »Cafe Wien«. Und dann geht alles - wie noch häufiger bei Langmaacks - sehr schnell.

Ehrgeizige Ziele paaren sich mit frischem Unternehmergeist, was die Banken überzeugt: Als Sicherheit für den Existenzgründerkredit werden Heizkörper aus einem Abbruchhaus, ein gebrauchter Backofen aus dem nahen Kinderheim und ein alter Torbogen akzeptiert, noch heute der Durchgang im Stammhaus in der Strandstraße zur Küche. Zur Hochzeit schenken die Handwerker, die dabei sind, das Cafe herzurichten, als Überraschung den spätabends geschütteten Estrich. Was lieb gemeint und nett gedacht ist, aber dazu führt, dass das junge Ehepaar zur Hochzeitsnacht in die Kinderzimmer zurückkehren muss und nicht im Ehebett über dem Cafe landet, weil das Präsent noch trocknet und nicht betreten werden darf.
Keine sechs Wochen nach der Hochzeit eröffnen Langmaacks das Cafe Wien. Eine stilistische Sensation im Westerland der 60er-Jahre. Blattgoldbelegte Wandverkleidungen, samtbezogene Stühle, kristallene Lüster. Die Zeitungen schwärmen von einer »wirklich reizenden Attraktion«, der neun Meter langen Theke, der »verführerischen Fülle an Torten und Kuchen«, alles feinste Handarbeit. Die Strandstraße ist noch keine Fußgängerzone, das insulare Marketing steckt in den Kinderschuhen. Werbung heißt in diesen Tagen für Vermieter: einmal täglich runterlaufen zum Bahnhof und den aussteigenden Gästen einen Zettel entgegenhalten, »Zimmer frei« steht drauf. Kein Jahr nach der Eröffnung - wie gesagt, Langmaacks sind notorisch schnell - wird Tochter Tania geboren. Sie wächst auf im Cafe Wien, das quasi das Wohnzimmer der Familie ist und den Lebensrhythmus bestimmt. Im Obergeschoss liegen die Privaträume, zwei kleine Zimmer, der Kühlschrank der Familie steht vor dem Doppelbett der Eltern. Fast 15 Jahre leben die drei ausschließlich in und mit dem Cafe, das Privatleben so reduziert wie die Freizeit. Nur der Mittwoch, der ist heilig, da geht Tochter Tania nie zur Grundschule. Ruhetag. Den verbringt die Familie auf dem Segelboot im Munkmarscher Hafen und rückblickend wundert sich Tania noch heute, »dass das nie einem Lehrer aufgefallen ist«.

Von Anfang an ist das »Cafe Wien« mehr als nur ein Kaffeehaus. Hier trifft man sich, hier wird man verwöhnt nach allen Regeln der Konditor-Kunst, hier hört man genau hin, hier erfährt man herzliche Zuwendung und stets das Neueste. Wer mit wem warum und wer mit wem warum gerade nicht. Das Cafe Wien wird zur insularen Nachrichtenagentur, betrieben mit viel Enthusiasmus, Fürsorge und noch mehr Diskretion. Man kennt sich eben und rasch natürlich auch die insularen Stammgäste. Langmaacks haben das, was man »ein Händchen« nennt: das besondere Talent, jeden so herzlich willkommen zu heißen, dass die Grenze zwischen Gastfreundschaft und Freundschaft schon mal verschwimmt.

Kaum dass sie laufen kann, wuselt Tochter Tania in der Backstube mit herum, packt von klein auf begeistert mit an, wenn nachts köstliche Pralinen und Schokoladen gefertigt werden, bevor frühmorgens die Tortenproduktion beginnt, und begreift früh: »Ich bin als Handwerker geboren.« Was die Eltern nicht wirklich erfreut registrieren. Sie wünschen der Tochter einen erfüllenden Beruf, na klar, aber doch um Himmels Willen nicht diese Arbeitszeiten, diesen Totaleinsatz bis zur Selbstaufgabe. Wovon andere Existenzgründer träumen - Juniors mögliche Geschäftsübernahme - bereitet Langmaacks schlaflose Nächte. Das Kind soll doch was Ordentliches lernen. Zu spät. Tania weiß, »genau das will ich auch«. Im innerfamiliären Disput findet sich ein Kompromiss: nach dem Fach-Abi erst die Ausbildung zur Steuerfachgehilfin, und wenn es dann immer noch unbedingt sein soll - herrjeh -, dann anschließend die Konditoren-Ausbildung.
Gesagt, getan. Tania bringt im Jagdgalopp und mit hervorragenden Zeugnissen zwei Lehren hinter sich, flugs schließt sie ihre »Wanderjahre« in wechselnden deutschen Top-Konditoreien an, dann auch die Meisterschule. Schnell, schneller, Langmaack: Da ist sie bereits verheiratet mit Uwe Ferchow, den sie an einem Samstag auf dem Sylter Gastroball kennenlernte, am darauffolgenden Mittwoch wohnte das junge Glück bereits zusammen. Uwe, ein erfolgreicher Event- und Incentivemanager, der zu der Zeit gerade seine insulare Agentur aufbaut, sagt nicht nur »Ja« zu Tania, sondern bedingungslos auch zum Cafe Wien, dem allgegenwärtigen Familienbetrieb: »Mitgehangen, mitgefangen!«, schmunzelt er heute.

Ziemlich genau 30 Jahre nach der Eröffnung des Cafe Wien übernimmt Tania Langmaack den elterlichen Betrieb. Ein eleganter Generationenübergang ohne Reibungsverluste, der vollkommen unauffällig und harmonisch verläuft. Noch heute sind Ingrid und Willi nahezu täglich präsent. Mittlerweile wuseln drei Kinder häufiger mal herum im Cafe Wien: Tom, Bent und Janna, bereits die dritte Generation Langmaack in der Strandstraße.

Mit der Jahrtausendwende geht auch die Erfolgsgeschichte des Cafe Wien in eine neue Ära. Ein lichter Wintergarten wird 2001 angebaut, die Backstube modernisiert, 2002 eröffnet ein paar Meter weiter die »Schokoladenmanufaktur«, intern liebevoll »der kleine Laden« genannt. Hier bietet Familie Langmaack vor allem Pralinen, Schokolade, Tees und nette Mitbringsel für süße Freunde und Bekannte an. Ein voller Erfolg, was die Backstube, die längst im Schichtbetrieb befeuert wird, kapazitätsmäßig endgültig an ihre Grenzen bringt. 2006 öffnet endlich die große Schwester des kleinen Ladens ihre Türen, die großzügige Schokoladenmanufaktur im Gewerbegebiet Tinnum. Die moderne Produktionshalle, ein lichter Holz-Bau im typischen Cafe-Wien-Rot, verschafft dem Unternehmen endlich den Raum, den sein kreatives Potenzial verdient. Viel Platz für die begehrten und rasch ausgebuchten Schokoladenseminare, ein heller Verkaufsraum, ein eleganter Tresen, legere Bistrotische, exklusive Strandkörbe sowie jede Menge Parkplätze direkt vor der Haustür und das berühmte Vollsortiment von den original Friesenkeksen nach Meister Wiedermann (von 1914!) bis zur köstlichen Trüffel-Tarte (von 2007!). Eine neue, moderne Anlaufstelle für Cafe-Wien-Fans mit faszinierendem Einblick durch große Fenster in die Produktionsabläufe. Denn eines wird sich allem Fortschritt zum Trotz hier niemals verändern: Jedes Produkt wird liebevoll von Hand hergestellt.

Kreativ, professionell und erfrischend unkonventionell: Das Cafe Wien verschenkt Tag für Tag, egal ob in Westerland oder in Tinnum, unvergessliche Momente – kulinarisch wie menschlich. Zugegeben, sie sind nicht immer so spektakulär wie dieser: Eines Tages saß ein Paar in der Spätvorstellung im Kinocenter in der Strandstraße und guckte den berühmten Film »Chocolat«. Als der Nachspann lief, beugte der Mann sich gen Mitternacht seufzend zu seiner Gattin rüber und sagte: »Hach, jetzt müsste man den Schlüssel vom Cafe Wien haben!« Da tippte ihm eine Frau aus der dahinterliegenden Reihe grinsend auf die Schulter, sagte »Glück gehabt«, reichte ihm ein Schlüsselbund und lud spontan auf ein Stündchen nach nebenan ein, auf einen amüsanten Mitternachtsschokorausch.
Typisch Tania Langmaack. Typisch Cafe Wien.

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